| |
Pressemitteilungen
Hochschulen stärken, Universitäten fördern
Standpunkte zur Hochschulpolitik in den Jungen Ländern
Pressemitteilung des RCDS Sachsen-Anhalt vom 04.12.2011
Die Hochschullandschaft in Mitteldeutschland und im Nordosten befindet sich weiter im Wandel. Noch ist die Bologna-Reform nicht überall zufriedenstellend umgesetzt, und die demographische Entwicklung schlägt hier besonders durch. Zurzeit steigen jedoch die Studentenzahlen weiter an, während die finanziellen Spielräume der Länder kleiner werden. Die Verbände und Gruppen des RCDS vor Ort stellen sich diesem Prozess und wollen die damit verbundenen Veränderungen als Chance begreifen, die Hochschulen in Deutschland weiterzuentwickeln.
Hochschulen in ihrer Region
Für jede Region sind ihre Hochschulen ein wichtiger Standortfaktor. Sie schaffen nicht nur direkt Arbeitsplätze, sondern sorgen für hochqualifizierten akademischen Nachwuchs. Aus diesem Potenzial können Unternehmungen vor Ort direkt schöpfen. Auch die Forschung und Innovationen, die von einem solchen Standort ausgehen, helfen Betrieben, wettbewerbsfähiger zu werden und somit die Region insgesamt zu stärken. Der RCDS begrüßt ausdrücklich, wenn Hochschulen sich an regional vorhanden wirtschaftlichen Strukturen orientieren und gegebenenfalls Spezialisierungen auf passenden Fachgebieten vorantreiben.
Dadurch können Synergien zwischen Wirtschaft und Wissenschaft besser genutzt werden. So können insbesondere Fachhochschulen durch ihren Praxisbezug und Erfahrung in der anwendungsbezogenen Entwicklung für den regionalen Mittelstand entsprechende Kapazitäten bereitstellen und sich dadurch neue Drittmittelquellen erschließen. Gleichzeitig ermöglicht diese Kooperation den Studenten einen besseren Einstieg in das Arbeitsleben. Denn leider kommt es noch zu oft vor, dass junge Absolventen in Ostdeutschland zu wenige attraktive Arbeitsangebote finden und daher ihre Studienregion verlassen müssen. Eine engere Zusammenarbeit zwischen Wirtschaft und Wissenschaft kann helfen, Absolventen und passende Arbeitsplätze vor Ort zusammenzuführen.
Ebenso wichtig wie die wirtschaftliche Bedeutung ist auch der soziale Einfluss von Hochschulen. Durch Studenten aus anderen Bundesländern und aus dem Ausland werden Erfahrungshorizonte erweitert und Vorbehalte abgebaut. Einige Studenten lassen sich durch ihr Studium in anderen Teilen Deutschlands nieder, etwas, was sie vorher vielleicht nie in Erwägung gezogen hatten. Auch finden auf dem Campus viele junge Paare zueinander und gründen später Familien. Für Regionen, die auch weiterhin einen Bevölkerungsrückgang und Überalterung zu verkraften haben, ist dieser "Jungbrunnen Hochschule" sehr wichtig.
Auch Kunst und Kultur erfahren durch viele junge und kreative Menschen in einer Hochschulstadt eine Aufwertung und bereichern dadurch das Leben aller Bewohner. Viele Theateraufführungen, Kleinkunstprojekte, Ausstellungen, Musikveranstaltungen und Sportwettbewerbe wären ohne studentische Mitwirkung unmöglich. Es gilt, den Blick der Verantwortlichen für den "Pluspunkt Student" im kulturellem Leben einer Stadt zu schärfen.
Hochschulen und Studium finanzieren
Bei allem Mehrwert den Hochschulen bringen, muss aber auch gefragt werden, wie diese Vorteile finanziert werden können. Der RCDS spricht sich für eine Beibehaltung der Bildungshoheit der Länder aus und lehnt das Modell der Bundesuniversitäten ab. Das Subsidiaritätsprinzip ist hier ein guter Leitfaden, nach dem Entscheidungen möglichst vor Ort zu treffen sind. Ein zentraler Hochschulbetrieb, der auf eine Verwaltung in Berlin ausgerichtet wäre, würde die Freiheit der Wissenschaft und Lehre zu sehr einschränken.
Demnach stehen die Länder in der Pflicht, ihre Standorte mit ausreichenden Mitteln auszustatten. Die Entwicklung der Haushalte geht aber dahin, dass in naher Zukunft die Finanzspielräume schmaler werden. Dies trifft insbesondere den Osten, der durch den baldigen Wegfall der EU-Regionenförderung bis zu einem Drittel seiner Einnahmen verlieren wird. Daher muss weiterhin an einer zielgerichteten Verwendung der Bildungsinvestitionen gearbeitet werden. Wo könnte das besser geschehen als vor Ort in den Hochschulen selbst?
Der RCDS sieht daher den Weg einiger Landesministerien als richtig an, den Hochschulen ein Globalbudget zur Verfügung zu stellen und durch qualifizierte Zielvereinbarungen partnerschaftlich zu begleiten. Hierbei wird die Eigenverantwortlichkeit der Hochschulleitung betont. Dies ermöglicht es auch, auf besondere Umstände und standortspezifische Bedürfnisse einzugehen, etwas was ein Ministerialreferat nicht immer leisten kann.
Bis jetzt ist diese Eigenverantwortlichkeit aber noch ein stumpfes Schwert, da die Zahl der Lehrenden und Professorenstellen zu sehr an starre Vorgaben gekettet sind. Der RCDS fordert daher, die Kapazitätsvereinbarung abzuschaffen.
Auch in der Forschungsfinanzierung müssen Anpassungen geschehen. Hierzulande werden noch zu wenige Drittmittel eingeworben. Durch die fehlende Eigenmittel gehen überdies Forschungsgelder der DFG verloren, die dann in andere Regionen Deutschlands abfließen. Die Vermittlung der Politik als Starthilfe und Bindeglied bei der Anbahnung kooperativer Forschungsprojekte ist weiter auszubauen.
Kooperation ist auch zwischen den Hochschulen wichtig, wollen die begrenzten Mittel gut genutzt werden. Hierbei sind Professoren zu ermutigen, standortübergreifende Forschung und Lehre zu betreiben, die durch die angestrebte Spezialisierung der Hochschulen auch erforderlich sein werden. Es ist darüber hinaus einfach nicht hinzunehmen, dass bis jetzt die Hochschulen hier in der Exzellenzinitiative unterrepräsentiert sind. Die Anstrengungen der Landesregierungen müssen auf Stärkung der eigenen Hochschulen zielen und diese befähigen helfen, sich für die Exzellenzinitiative zu qualifizieren.
Die überregionale Zusammenarbeit zwischen Ländern und Hochschulen hat ein positives Beispiel - der Hochschulpakt. Dieses Modell ermöglicht es, deutschlandweit Differenzen zwischen Studieninteressierten und verfügbaren Plätzen auszugleichen. Die ostdeutschen Hochschulen können dadurch ihre Kapazitäten besser auslasten und sich über Ausgleichszahlungen der Herkunftsländer finanzieren. Dabei ist aber zu beachten, dass hier vor Ort Überkapazitäten vorerst künstlich aufrechterhalten werden. Dies erfordert teils langfristige Investitionen in Infrastruktur und Personal, deren Laufzeit und Kostenverpflichtungen über den absehbaren Geltungszeitraum des derzeitigen Hochschulpaktes hinausgehen. Es sind bereits jetzt Vorkehrungen für ein Sinken der Studienbewerberzahlen nach dem Hochschulpakt zu treffen.
Das kann über die Fortführung des Paktes über 2020 hinaus erreicht werden, sodass die Ausgleichszahlungen den Hochschulen hier weiter offen stehen. Gleichzeitig gilt es, den Kreis der Studieninteressenten weiter auszudehnen und dadurch die Bewerberzahlen aus der Bevölkerung vor Ort stabil zu halten. Angebote zum berufsbegleitende Studium, Seniorenstudium und für akademische Weiterbildung sind an den Hochschulen weiterhin auszubauen.
Bei der Finanzierung des Studiums bleibt eine der wichtigsten Quellen das bewährte BAföG. Das BAföG muss für das neue Jahrhundert flexibler gestaltet werden. Die Zugangskriterien müssen sich an den tatsächlichen familiären Realitäten ausrichten. Eine Heranziehung der elterlichen Einkünfte für den Darlehensanteil der Förderung muss enden. Gleichzeitig müssen die Zuverdienst-Möglichkeiten für Förderungsempfänger erweitert werden. Denn oft reichen die Mittel der Eltern nicht für eine umfassende Förderung des Studiums aus, auch wenn diese über der Bemessungsgrenze des BAföG-Anspruches liegen. Dann kann der Student zumindest die Hälfte der Förderung als zinsloses Darlehen erhalten und mit einem eigenen, kleinen Nebeneinkommen aufwerten ohne für seine Eigenleistung finanziell schlechter gestellt zu werden, und ohne dass die Arbeit das Studium zeitlich zu sehr beeinträchtigt.
Der RCDS bejaht Leistung und begrüßt daher die Erweiterung der Leistungsförderung durch das Deutschlandstipendium. Das Deutschlandstipendium darf jedoch keinesfalls zu einer Abwertung der etablierten Förderungswerke führen. Besonders die politischen Stiftungen leisten einen wichtigen Beitrag zur ganzheitlichen akademischen Bildung und sozialer Kompetenz. Es muss daher darauf geachtet werden, dass die Leistungsförderung dieser Stiftungen mindestens der des Deutschlandstipendiums gleichwertig ist.
Studienerfolg sichern
Noch nie strömten so viele Studenten in die Hörsäle wie es zur Zeit geschieht. Leider drängen Viele unvorbereitet auf den Campus. Fehlende Beratung, ein schier unüberschaubares Studienangebot, teilweise chaotische Studienplatzvergabe und die Unsicherheiten, die die Umsetzung der Bologna-Reform verbreitet hat, stellen einige Studenten vor große Herausforderungen im Studienalltag. Leider führt dies noch zu oft zu einem Fehlstart und späterem Abbruch der akademischen Ausbildung. Die Studienberatung muss qualifiziert und progressiv erfolgen, möglichst bereits in der Schule. Die Platzvergabe muss endlich effektiv arbeiten. Die Modularisierung der Studiengänge und die ECTS-Vergabe sind weiterhin zu überprüfen.
Eine gründliche Beratung und Hilfestellung vor und bei Studienbeginn erleichtert den Einstieg und hilft dabei, dass Plätze an passende Studenten vergeben werden und diese ihre Ausbildung erfolgreich abschließen können. Bei der Vergabe von Studienplätzen ist die Plattform "hochschulstart.de" oder etwas Ähnliches schnellstens in Betrieb zu nehmen. Bis jetzt kämpft jede Hochschule und jeder Bewerber für sich allein, was zu einem kaum zu bewältigenden Pensum für beide Seiten führt und dazu, dass am Ende unnötigerweise Plätze frei bleiben. In den Studiengängen sind die Module besser aufeinander abzustimmen und Prüfungen wenn möglich zusammenzufassen. Statt starrer 30 ECTS-Punkte je Semester, sollten Korridore es ermöglichen, die Arbeitsleistung besser zu verteilen und den tatsächlichen Aufwand in den Modulen abzubilden. Weitere wichtige Faktoren sind die psychologische Begleitung der Studenten, die Integration von Menschen mit Behinderungen und von ausländischen Studenten.
Den Campus aufleben lassen
Studieren ist aber mehr als organisieren von Modulplänen und lernen für Prüfungen. Vielleicht mehr noch als die fachliche ist die persönliche Bildung für den weiteren Lebensweg wichtig. Das studentische Leben spielt dabei eine entschiedene Rolle. Projekte außerhalb des Lehrplans, ein studentisches Café auf dem Campus, ein Kulturclub oder eine Studentenband, die Semesterparty, gemeinsames Mensaessen, das Zimmer im Wohnheim, die Bibliothek und der Hochschulsport bringen Menschen zusammen, lassen sie lernen, Freundschaften und Netzwerke entstehen.
Die Gelder dafür kommen aus Landesmitteln, von Sponsoren und von den Studenten selbst. Doch die Sparzwänge in den Landeshaushalten werden mittelfristig dazu führen, dass alle Ausgaben gestrichen werden müssen, die über das gesetzliche Pflichtenheft hinausgehen. Diese Entwicklung ist bereits bei den Studentenwerken zu spüren, aber auch extra Lehrstunden oder Projektgelder der Professoren stehen auf der Kippe. Eine deutliche Anhebung der Semesterbeiträge ist bereits sicher. Der RCDS plädiert darüber hinaus für zusätzliche Beteiligung der Studenten an den Kosten zusätzlicher Leistungen in Form von Studienbeiträgen.
Dies soll keinesfalls die Primärfunktionen der Hochschule stützen helfen, die weiterhin aus öffentlichen Mitteln zu bestreiten sind. Vielmehr sollen diese Gelder für Leistungen genutzt werden, die allen Studenten zu gute kommen können: so etwa zusätzliche Anschaffungen der Bibliothek oder technischer Ausstattungen. Aber wichtiger wäre noch, die Finanzierung von zusätzlichen Tutorien, Sportangeboten, kultureller Einrichtungen, Betreuungsangeboten und Veranstaltungen, die alle die Attraktivität des Campus aufwerten helfen und das Studium insgesamt abrunden.
Die Höhe und Verteilung sollten die jeweiligen Hochschulgremien selber festlegen können. Diese Erhebung ist unbedingt an eine BAföG-Reform zu koppeln, die die finanzielle Basis des Studiums stärkt. Auch sind besonders in den neuen Ländern nachgelagerte Zahlungsmodelle zu bevorzugen, bei denen die Beiträge erst nach Aufnahme einer bezahlten Tätigkeit nach Studienabschluss zu zahlen sind. Die Summe sollte mit der BAföG-Schuld verrechnet werden können, so dass kein Absolvent nach dem Studium mehr als die 10TEUR der gedeckelten BAföG-Rückzahlung zu leisten hat. Diese Variante begünstigt finanziell schwache Studenten und eröffnet nach dem ersten Absolventen-Jahrgang eine stetige und von politischen Verwerfungen weitgehend unabhängige Finanzquelle für campusnahe Dienstleistungen.
Die Aufgaben des RCDS
Auch wir, als interessierte Studenten, leisten unseren Beitrag zu dieser Entwicklung. In einer Studentenwelt, die immer mehr auf geradlinige Hochschulkarrieren wertzulegen scheint, legen wir geradlinige Werte an. Unser Bekenntnis zur freiheitlich-demokratischen Grundordnung hat uns erfolgreich durch die Zeit begleitet.
Doch diese Grundordnung setzt informierte Entscheidungen voraus. Wir sehen es daher als unsere Aufgabe an, unseren Kommilitonen ein Informationsangebot vor Ort zu unterbreiten und Hilfe bei der Orientierung im Studium, in den Hochschulstrukturen und den dahinter liegenden politischen Entscheidungen zu bieten. Auch wollen wir effektiv politische Entscheidungen zugunsten der Studenten beeinflussen. Dazu suchen wir aktiv das Gespräch mit unseren Kommilitonen und Entscheidungsträgern in der Politik.
Auch werben wir für unsere Positionen in Hochschulwahlkämpfen und möchten als studentische Mandatsträger in den Gremien der Hochschule mitentscheiden. Durch soziale und kulturelle Projekte machen wir darauf aufmerksam, dass es noch mehr als Studium gibt, und wir arbeiten im RCDS und darüber hinaus auf Hochschul-, Landes-, Bundes-, und Europaebene zusammen.
Von Fabian Herrmann (Vorsitzender des RCDS-Landesverbandes Sachsen-Anhalt)
nach oben
|
|